Arbeitswaisen: Ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur eine Illusion?

Sind Politiker die besseren Eltern? Sigmar Gabriel, Andrea Nahles, Ursula von der Leyen, Manuela Schwesig – dies sind nur die bekanntesten Namen aus der Regierung, die regelmäßig von zu Hause aus arbeiten wollen. Ihr Ziel: mehr Zeit für die Familie. Der Bundestag und seine Ministerien bieten dazu eigene Kinderbetreuungsangebote, zum Beispiel einen Betriebskindergarten. Wie aber steht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Arbeitnehmer in der Wirtschaft oder für Selbstständige?

Beruf und Familie - Grafik von Powwownow

Die beiden Journalisten der “Zeit”, Marc Brost und Heinrich Wefing, drücken sich drastisch aus: Für sie sind die Versuche, Familie und Beruf zu vereinen, “die Hölle”. Eltern- und Arbeitsleben seien nicht unter einen Hut zu bringen, vor allem weil ständige Bereitschaft verlangt und von Seiten der Mitarbeiter geleistet werde, teils freiwillig, teils zähneknirschend. Zwar könne man sich durch Planung mit dem Partner die Arbeit der Kindererziehung aufteilen, sei aber nicht gegen plötzliche Widerstände wie Krankheit oder technische Ausfälle gewappnet. All das, so die beiden Journalisten, führt zu einem hohen Stresspegel der Eltern. Immer mehr Paare entscheiden sich stattdessen dazu, keine Kinder zu bekommen. Angesichts von Fachkräftemangel und klammer Rentenkassen nicht die besten Zukunftsaussichten für Deutschland.

Frauen sind zudem doppelt belastet: Zum einen wird heutzutage von ihnen erwartet, dass sie auf eigenen Beinen stehen und Karriere machen. Zum anderen gelten für manche Arbeitgeber Frauen mit Kindern noch immer als Risiko, da sie öfter ausfallen könnten als ihre männlichen Kollegen. Daher rührt auch die größere Erwerbslosigkeit von jungen Frauen sowie die noch immer bestehende Lohnschere zwischen den Geschlechtern. Dies belegen Zahlen des statistischen Bundesamtes sowie des Familienministeriums. Die unterschiedlichen Löhne sind mit ein Grund, warum Männer oft lediglich zwei Monate das Elterngeld in Anspruch nehmen, obwohl dieses für bis zu 14 Monate gezahlt wird.

Gut geplant ist halb gemeistert

Während ganze Bücher geschrieben werden, welche das Ideal einer harmonischen Balance zwischen Arbeit und Familie als Fantasie abschreiben, stellt sich für viele junge Familien die handfeste Frage, was sie angesichts des alltäglichen Stresses tun können.

Am Anfang steht zunächst eine durchdachte Planung der eigenen und gemeinsamen Aktivitäten. Wer kümmert sich wann um die Kinder? Welche Termine müssen die Eltern unbedingt wahrnehmen, welche können eingespart werden? Können Teile der Familie, wie Großeltern oder Geschwister, zur Not aushelfen? Eine gute Absprache zwischen Müttern und Vätern ist dabei zentral. Viele Paare stellen aber nach einer gewissen Zeit fest, dass ihre Beziehung eher zu einem Logistikunternehmen mutiert ist.

Viel mehr Sinn ergibt stattdessen, Angebote wie Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten in Anspruch zu nehmen beziehungsweise diese aktiv einzufordern. Viel Technik ist selten nötig, um auch von zu Hause aus aktiv am Büroalltag mit seinen Besprechungen und Brainstormings teilzunehmen. Eine einfache Telefonkonferenz mit den Kollegen ist bisweilen sogar produktiver als ein Meeting im stickigen Konferenzraum. Auch eine Reduzierung der Arbeitszeit, wie auf die von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig vorgeschlagenen 32 Stunden, bietet sich an.

Vater, Mutter, Staat: Damit die Eltern nicht alleingelassen werden

Natürlich müssen aber auch Staat und Wirtschaft diese Möglichkeiten für ein familienfreundliches Arbeiten schaffen. In den Niederlanden gibt es beispielsweise eine Regelung, nach der sich Väter einen Tag in der Woche frei nehmen können, um für die eigenen Kinder da zu sein. Und in Schweden konkurrieren die Unternehmen um die familienfreundlichste Arbeitsumgebung. Dazu gehört, dass auch Führungspersonen halbtags arbeiten können.

In Deutschland bieten Firmen wie Siemens oder Bosch eigene Betriebskindergärten. Außerdem zeigen sich viele Arbeitgeber in Bezug auf Homeoffice und Arbeitszeiten flexibel. Dennoch: Die Klagen vieler junger Familien über Stress und eine ausbleibende Karriere werden immer lauter. Denn letztlich ist es auch das gesellschaftliche Klima, welches Familienfreundlichkeit fördert – oder sie verhindert.

Der Stellenwert – und damit die Rollenverteilung – von Familie und Kindererziehung ändert sich gerade in Deutschland. Viele junge Eltern, die zudem gut ausgebildet sind, legen großen Wert auf familienfreundliche Arbeitgeber und leben wie selbstverständlich eine gleichberechtigte Beziehung. Dies wird schließlich Politik und Wirtschaft zu einem Wandel der Arbeitsumgebung bewegen. So bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Privileg erfolgreicher Politiker und Minister.

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